
Wer nur an Mode und Wirtschaft denkt, wenn er Mailand hört, kennt die Navigli meist noch nicht. Dabei war genau dieses Kanalsystem über Jahrhunderte einer der wichtigsten Gründe, warum Mailand überhaupt zu einer bedeutenden Handelsstadt werden konnte, lange bevor an Modewochen zu denken war.
Inhaltsübersicht
Sieben Jahrhunderte Bauzeit
Der erste schiffbare Abschnitt entstand in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts: der Naviglio Grande, rund 90 Kilometer lang, in gerade einmal 35 Jahren Bauzeit fertiggestellt. Er verband den Fluss Ticino und damit den Lago Maggiore mit dem Zentrum Mailands. Über diesen Wasserweg gelangte unter anderem der Marmor aus den Steinbrüchen von Candoglia in die Stadt, aus dem der Mailänder Dom gebaut wurde, ein Bauprojekt, das ohne diese Transportroute kaum in dieser Form möglich gewesen wäre. In den folgenden Jahrhunderten wuchs das Kanalnetz immer weiter, bis 1457 Herzog Francesco Sforza den Bau eines weiteren Kanals anordnete, des Naviglio Martesana, der Mailand mit dem Comer See verband und heute in der Stadt größtenteils unterirdisch verläuft.
Leonardo da Vincis Anteil
1482 traf Leonardo da Vinci in Mailand ein, im Auftrag von Ludovico il Moro sollte er die Schifffahrt auf dem Kanalnetz verbessern. Das Problem war der Höhenunterschied zwischen den einzelnen Stadtteilen, den Leonardo mit einem System aus verstellbaren Schleusen löste, die es Booten erlaubten, sowohl stromauf- als auch stromabwärts zu fahren. Die Schleuse Conchetta am Naviglio Pavese geht auf seine Pläne zurück, ebenso die Conca dell’Incoronata in der Via San Marco nahe Brera, die bis heute erhalten ist. Der Naviglio Pavese selbst wurde allerdings erst deutlich nach Leonardos Tod fertiggestellt, 1805 auf Befehl Napoleons, der damit eine durchgehende Wasserverbindung von Mailand bis zum Meer schaffen wollte.
Die Darsena als Knotenpunkt
1603 entstand die Darsena, ein Hafenbecken mitten in der Stadt, das bis heute die zentrale Verbindungsstelle des Systems bildet: Der Naviglio Grande fließt hinein, Naviglio Pavese und Ticinello fließen wieder heraus. Wegen der vielen Kanäle wurde das Viertel früher auch als das Venedig der Lombardei bezeichnet, wenngleich in deutlich bescheidenerem Maßstab. Von den einst zahlreichen Wasserstraßen sind heute innerhalb der Stadt nur noch der Naviglio Grande und der Naviglio Pavese sichtbar, die übrigen wurden im Laufe der Zeit zugeschüttet und überbaut.
Vom Arbeiterviertel zum Ausgehviertel
Genutzt wurden die Kanäle bis weit ins 19. Jahrhundert für den Warentransport, aufgegeben wurde die Schifffahrt erst, als die Eisenbahn den Kanälen ihre wirtschaftliche Bedeutung nahm. An den Ufern lebten einst Handwerker und einfache Arbeiter, in den typischen Mailänder Geländerhäusern mit ihren umlaufenden Balkonen, von denen einige bis heute erhalten sind. Aus diesem einstigen Arbeiterviertel ist inzwischen eines der beliebtesten Ausgehviertel Mailands geworden, mit Bars, Restaurants, Kunstgalerien und Künstlerateliers entlang der Ufer. Besonders am Wochenende und abends füllen sich die Uferpromenaden, weniger mit Booten als mit Menschen, die dort einen Aperitif nehmen.
Was man dort tun kann
Am letzten Sonntag jedes Monats findet entlang des Naviglio Grande ein bekannter Antiquitätenmarkt statt. Bootstouren werden ebenfalls angeboten, meist rund eine Stunde lang, vom Naviglio Grande über die Darsena bis zur Schleuse Conchetta, der ersten von insgesamt vierzehn Schleusen zwischen Mailand und Pavia. Unterwegs passiert man unter anderem die Kirche San Cristoforo aus dem 13. Jahrhundert. Wer tiefer in die Geschichte eintauchen möchte, findet im Navigli-Museum, untergebracht in einem unterirdischen mittelalterlichen Gewölbe, den alten Kanalverlauf, der einst direkt unter einem Palazzo hindurchführte. Auch die einstige Wohnung der Dichterin Alda Merini in der Ripa Ticinese lässt sich als kleines Museum besichtigen, rekonstruiert mit ihren originalen Möbeln.































